RÖDER, JOHANN MICHAEL MARTIN


†1748

 

Johann Michael Röder wirkte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als „Orgelbauer und Glokkenspiel-Macher“ zeitweilig von Berlin aus, wo er eine Werkstatt in der Sandgasse einrichtete, nachdem er zuvor 4 Jahre lang bei Arp Schnitger (Hamburg) gewesen war. Während Arp Schnitger durch die Unzuverlässigkeit Friedrich I. die Freude an Berlin verloren hatte, scheint Röder Gefallen an der Stadt gefunden zu haben, weil ihm die - ganz auf äußeren Pomp, Glanz und Gloria ausgerichtete - „künstliche neue Manier“ seines Orgelbaukonzeptes 1713 einen lukrativen Auftrag in der Alten Garnisonkirche eingebracht und den König offenbar so beeindruckt hatte, dass Röder weiter hoffen durfte. Das Spektakuläre an dem Instrument war sein Ornament-Prospekt mit den hier erstmals zu sehenden behelmten paukenschlagenden Engeln und die militärische Staffage, wozu auch Fahnen, Streitäxte und Lanzen gehörten. Vier Engel hatten Glocken und Hämmer in den Händen, womit während des Orgelspiels der Akkord g’ h’ d’’ g’’ angeschlagen werden konnte. In den Feldern beiderseits des Mittelturms prangten zwei Sonnen, deren Strahlen Pfeifen waren und das Zentrum der Prospektseiten wurde von je einem Thron gebildet, den ein Adler aus 300 klingenden (!) Pfeifen zierte. Auf den Zwischentürmen neben dem Mittelturm gab es Engel mit Ordensstern in der Hand, die sich drehten und deren Zimbelklang mit dem Glockenklang der vier anderen Engel harmonierte, wenn die Orgel (bei entsprechend gezogenem Register) gespielt wurde. - Obwohl Röder in den folgenden Jahren noch einige Aufträge in Berlin erhielt, begann sein Ruf zu schwinden. Inzwischen hatte sich nicht nur sein einstiger Lehrer, sondern auch der Berliner Garnisonorganist Johann Friedrich Walther gegen ihn ausgesprochen und nach Röders Tod gesellte sich sogar Prinzessin Anna Amalia von Preußen zu seinen Kritikern, welche die Register der Berliner Domorgel - Röders einstigem Referenzobjekt - ablehnte, „weil es lauter Flötenzüge“ seien, weshalb es „wie eine Pendule“ (Flötenuhr) und „zu weibisch“ klinge. „Überdem ist der Baß überaus schwach. Vor die heutigen Noten Kleckers, welche von kein Fondament einen gesunden Gedanken haben, ist es großartig, hingegen vor andere nicht.“ Hier gerät das Werk, in einem Brief Vincent Lübecks an den Rat zu Tangermünde auch die Person Röders ins Zwielicht, denn „H. Schnitger Privilegirter Preussischer Hoff Orgelmacher“ habe ihm „Berichtet daß dieser Röder anfangs ein Tischer gesel und nachgehends sich bey Ihm in die Lehre begeben, 4 Jahre gelernet, in abwesenheit des H. Schnitgers aber von der anvertrauten Haußhaltung rechnung tun sollen, hat Er seinen abschied hinter die Thüre (heimlich, d. Verf.) genommen, nachgehends den H. Schnitger sehr verläumdet und verachtet. (...) Und also es unmöglich glauben kan das dieser Großsprecher in so kurtzer Zeit so gelehrt solte geworden sein.“ - Der weitere Lebens- und Schaffensweg führte Röder - nach dem sich sein starker Konkurrent Joachim Wagner 1719 in Berlin niedergelassen hatte - schon bald nach Schlesien, über Pommern zurück in die nördliche Mark Brandenburg und gleicht bis zu seinem Tod einer unaufhörlichen Wanderschaft. Überall hinterließ er Werke, über die oftmals begeistert und zuweilen auch kritisch gesprochen wurde, doch nirgends scheint er wirklich Fuß gefasst zu haben. - Von seinen Instrumenten im brandenburgischen Raum sind nur zwei kleinere erhalten geblieben, ein 1717 für die Berliner Dorotheenstädtische Kirche erbautes, das sich heute in restauriertem Zustand in der ev. Kirche von Wesenberg (Mecklenburg) befindet und ein Werk im uckermärkischen Greiffenberg, welches erst in den 1980er Jahren vom Verfasser als Röder-Orgel identifiziert werden konnte und der späten Schaffensphase angehört. Daran zeigt sich, dass Röder trotz des abschätzigen Leumundes mancher seiner großen Konkurrenten und Zeitgenossen nicht nur sein Handwerk recht gut verstanden hat, sondern darüber hinaus auch zu großen künstlerischen Leistungen fähig war. Auswahl einiger Werke:

 

1713/15 Berlin, Alter Garnisonkirche, 23 II/P
1717 Berlin, Dorotheenstädtische Kirche, 13 I/P (in Wesenberg/Mecklenburg erhalten)
1720 Berlin, Alter Domkirche, 32 II/P
1721/22 Crossen/Oder, St. Marien, 55 II/P (Gehäuse erhalten)
1720/25 Breslau, Magdalenenkirche, 56 II/P
1724/29 Hirschberg, Kirche z. Hl. Kreuz, 53 III/P (Gehäuse erhalten)
1730 Großburg bei Brieg, 22 II/P (Gehäuse erhalten)
1736 Liegnitz, Liebfrauenkirche, 34 II/P (Gehäuse und einige Stimmen erhalten)
1742 Greiffenberg bei Angermünde, 13 I/P (großenteils erhalten)
1744 Prenzlau, Heilig-Geist-Kirche, 15 I/P (Gehäuse in der Schlosskirche Berlin-Buch erhalten)
1745 Prenzlau, St. Marien, 20 II/P

Labium-Archiv Berlin / Bergelt, Wolf: Die Mark Brandenburg - eine wiederentdeckte Orgellandschaft, Berlin 1989 / Bergelt, Wolf: Orgelreisen durch die Mark Brandenburg, Berlin, 2016 (3. Auflage)