Seit
der Gründung des deutschen Reiches (1871) hatte das Entwicklungsgeschehen
ein so atemberaubendes Tempo angenommen, daß viele kleine und traditionsbwußte
Unternehmer, die damit nicht Schritt zu halten vermochten, keine Chance mehr
hatten. Daß um die Wende zum 20. Jahrhundert die gesamte Vielfalt märkischer
Orgelbauwerkstätten in der Provinz Brandenburg bis auf drei große Unternehmen
fast restlos verschwunden war, zeigt deutlich, dass nicht persönliche
Unfähigkeit, sondern nur ein übergreifendes Geschehen Ursache gewesen sein kann,
welches nicht zuletzt sowohl mit dem zunehmenden Ungleichgewicht zwischen Stadt
und Land als auch mit der neuen und alten Produktionsweise zu tun hatte. Nachdem
1916 und 1918 die Gebrüder Dinse verstorben waren, gab es nur noch zwei große
Firmen (Sauer und
Schuke), welche die wenigen kleineren Werkstätten lange Zeit
konkurrenzlos überragten. Zugleich sehen wir, wie auch Aufträge an namhafte
Orgelbauer außerhalb der Provinz Brandenburg vergeben wurden. Erst mit der
Trennung der Gebrüder Hans-Joachim und
Karl Schuke (1950) - der eine eigene
„Berliner Orgelbauwerkstatt GmbH“ in Zehlendorf gründete - und durch die
zunehmende Profilierung der Mitteldeutschen Orgelbauanstalt (Bad Liebenwerda)
kamen neue Farben hinzu, welche die regionale Firmenlandschaft wieder
anreicherten. Diese Tendenz scheint mit dem Vollzug der deutschen Einheit (1990)
einen neuen Impuls bekommen zu haben, während gleichzeitig die gegenseitige
grenzüberschreitende Durchdringung und Internationalisierung des Orgelbaus bis
hin zu Kooperationen zwischen Orgelbauern zunimmt. -
Neben diesen Erscheinungen
ist das 20. Jahrhundert durch eine großartige Entwicklung der Restaurierungs-
und Rekonstruktionspraxis gekennzeichnet, um die sich gerade auch Orgelbaufirmen
des Landes Brandenburg in maßstabsetzender Weise verdient gemacht haben. Aber
wir haben es auch mit einem Jahrhundert der Orgelwissenschaft zu tun, in dem wie
nie zuvor Quellen- und Substanzforschung getrieben wurde, ohne deren Ergebnisse
das Niveau heutiger Praxis undenkbar wäre.
Neuruppin - VEB Frankfurter Orgelbau Sauer, 1984