Im
19. Jahrhundert kam es zu einem tiefgreifenden Stilwandel in den Künsten, der im
Orgelbau mit der Auflösung des klassischen Werkprinzips, der Homogenisierung des
Klangs, einer entsprechend veränderten Intonation (Tongebung) und in der
Gehäusearchitektur mit geradlinigen antikisierenden Formen einherging, welche
großenteils auf den Einfluß von Karl Friedrich Schinkel zurückzuführen sind, der
als Geheimer Oberbaurat der Oberbaudeputation Preußens gesamtes Bauwesen
leitete. Zahlreiche Prospektentwürfe in seinem Nachlaß gehen auf drei Grundideen
zurück, denen ein großer Teil der märkischen Orgelbauer fast das ganze 19.
Jahrhundert hindurch folgte: anfangs besonders mit einer griechischen
Tempelfrontvariante (in den Hauptgliedern am Tympanon, der griechischen
Säulenordnung und den Flachfeldern erkennbar), hernach zu romanischen Rundbogen-
und gotischen Spitzbogenformen übergehend, wobei erstere oft mit einem
schlichten abschließenden Horizontalgesims und lisenenartigen Vertikalgliedern
versehen sind und letztere fast immer maßwerkdurchbrochene Wimpergabschlüsse
zwischen fialenbekrönten Vierkant- oder Polygonalpfeilern aufweisen. Überall
dominiert Schlichtheit, auch bei den abweichenden Formen märkischer
Landorgelbauer, deren Markt seit der Mitte des 18. Jahrhunderts sichtbar zu
wachsen beginnt. Technisch und produktionsstrukturell setzte ein
revolutionierender Wandel ein, der zunehmend in die Industrialisierung führte
und sich - je nach spezifischer Bedingung - entweder fördernd oder vernichtend
auf Orgelbauunternehmen auswirkte, den Orgelbau als solchen aber auf ungeahnt
innovative Weise veränderte und voran trieb. Die überragenden Gestalten unter
den zahlreichen Orgelbauern dieses Jahrhunderts sind u.a. in dem
Lehrer-Schüler-Kontinuum zu suchen, daß von
Joachim Wagner ausging und sich in
Berlin über die Enkelschüler Johann Simon Buchholz, dessen Sohn
Carl August, die Werktsatt
Lang & Dinse bis zu den
Gebrüdern Dinse fortsetzte. Andere bedeutende
Linien sind mit den Namen Grüneberg (Brandenburg, Stettin),
Heise,
Gesell (beide
Potsdam) und Sauer (Frankfurt/O.) verbunden. Unter den „Landorgelbauern“ haben
besonders die Turleys (Treuenbrietzen, Brandenburg),
Claunigks,
Schröthers (beide Sonnewalde/NL),
Baer,
Lobbes (Niemegk),
Lütkemüller (Wittstock),
Kienscherf (Eberswalde) und
Hollenbach (Neuruppin) prägend gewirkt.
Abbildung: Perleberg / Prignitz - Johann Friedrich Turley, 1831 (Riss)